VARG: Wer hoch steigt, fällt tief
- Februar 1st, 2010
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Das Legacy-Magazin bricht das Schweigen zum Fall VARG:
VARG
Wer hoch steigt, fällt tief – so hat es den Anschein bei VARG
Gestern noch mit einem 14-Punkte-Review in LEGACY #64 bejubelt, heute die Buhmänner auf diversen anonymen – nur auf den ersten Blick linken – Blogs und, was verwunderlich scheint, auch der organisierten Rechten im Metal. Was ist geschehen?
VARG sind eine Band, die vom ersten Tag ihres Bestehens polarisiert. Sie kann auf die treue Unterstützung echter Fans bauen. Und es gibt nicht wenige, die ihre heidnische Musik für Mummenschanz billigster Sorte halten. Die Noten unserer Redakteure im letzten Soundcheck bestätigen dies. Während es zwei gab, welche die Scheibe mit zweistelligen Punktzahlen bewerteten, lag der Schnitt aller Redakteure für „Blutaar“ bei mageren 4,75/15 Punkten. Nur die Tatsache, dass aus dem Plattenvertrag mit Nuclear Blast nichts wurde, verhinderte, dass „Blutaar“ auch in der gedruckten Soundcheck-Tabelle auftauchte. Für Verschwörungstheoretiker, die glauben, im Dezember hätte irgendwer von der sich anbahnenden Affäre um VARG geahnt: Haben wir nicht.
Wer Fans hat, will sie nicht nur behalten. Der will auch weitere Fans. So erklärt sich ein Spagat, mit dem sich VARG kräftig überdehnt haben. Einerseits hat sich ihr Sänger Freki im rechten Spektrum jahrelang angebiedert. Er gibt das mittlerweile selbst zu, wirkte im Gespräch mit den Kollegen vom Rock Hard einigermaßen zerknirscht und gelobte Besserung. Denn andererseits soll sich mit „Blutaar“ endlich der Erfolg einstellen, nach dem die Band strebt. Und obwohl die Rechtfertigungen und keine Fragen offen lassenden Interviews tatsächlich mit einer Offenheit geführt werden, die im Metal ihresgleichen sucht, schwelt die Affäre weiter.
Denn diesmal ist etwas anders: Die Kampagne startete nicht von links, wie vor Jahren bei Impaled Nazarene, sondern von rechts. Das gibt zu denken. Auslöser war ein offensichtlich privat geschossenes Foto Frekis in einem T-Shirt von Absurd aus dem Jahr 2007. Schon der gesunde Menschenverstand sagt: So etwas kann gar nicht von links kommen, sondern von dort, wo der wachsende Stellenwert VARGs im Mainstream des Pagan Metal mit ebenso wachsender Eifersucht verfolgt wird: von rechts. Außerdem befand sich das, was wir hier so unsachlich wie verallgemeinernd „Antifa“ nennen, vor drei Jahren auf dem Zenit der medialen Macht. Falls das Bild also von einem linken Aktivisten gemacht wurde – wie logisch ist es, dass er sich sagte: Mal abwarten, wann der perfekte Zeitpunkt kommt, um VARG abzusägen?
Freki versuchte im MySpace-Blog von VARG daraufhin halbherzig, die Dinge gerade zu rücken: Das T-Shirt sei ihm geliehen worden, er selbst habe sich da keine Gedanken gemacht – rhetorisches Dünnbrettbohren, mit dem er nicht durchkommen konnte. Denn der nächste Schritt der Eskalation war ein offener Brief der „Chefredakteurin“ des wiedergeborenen „A-Blaze“, Sylvia Fürst an die Metal-Redaktionen landauf, landab. Die Gänsefüßchen stehen mit Absicht da, denn es ist kein Geheimnis, dass hinter dem „A-Blaze“ und hinter ungefähr einem halben Dutzend seiner Schreiberpseudonyme in Wahrheit Hendrik Möbus steht. Dieser ließ damit die Masken fallen. Inhalt des Briefs waren weitere Anschuldigungen, er begann scheinheilig mit „Für’s Protokoll wollen wir folgendes mit euch abklären“, und endete anmaßend mit „Ihr müßt euch jetzt an euren eigenen Maßstäben messen lassen. Wir werden euch dabei im Auge behalten“ – Deppenapostroph und Rechtschreibfehler wie im Original.
Dann wurde es ganz schnell unsachlich. In den relevanten Metalboards meldeten sich im Stundentakt neue Accounts an, die mit gespielter, linker Entrüstung nicht müde wurden, schon bekannte und neue Vorwürfe gegen VARG, insbesondere aber Freki breitzutreten. Eine „Facharbeit“ Frekis über Pagan Metal tauchte plötzlich zum Download auf Servern der rechten Pagan Front auf – die einzige logische Verbindung dorthin führt wieder über Möbus. Dabei ist längst ohne Belang, ob wirklich alles der Wahrheit entspricht, was Freki vorgeworfen wird, denn alles, was er in einem Interview mit den Kollegen vom Rock Hard einräumt, bewegt sich mit den übrigen im Raum stehenden Vorwürfen auf der mehr oder weniger gleichen Ebene. Welche Rolle spielt es, ob Freki ein oder zwei Absurd-Shirts besitzt? Welche Rolle, ob er ein oder zwei NSBM-Konzerte besucht und/oder veranstaltet hat? Die Quelle der Anschuldigungen selbst ist nicht vertrauenswürdig. Auf der Website des „A-Blaze“ steht eine Stellungnahme, in der das Einknicken Frekis, der auch das Wolfszeit-Festival organisiert, vor der „political correctness“ polemisiert wird. Wohlgemerkt von Möbus, einem, der selbst im Dreck sitzt und mit der gleichen Art Schmutz schon im Fall Drudkh vor einem halben Jahr um sich warf: siehe die etwas älteren News beim „A-Blaze“ zu Drudkh. Was das alles wert ist, steht im Text selbst: VARG werden nach Kräften gebrandmarkt, den eher nebenbei erwähnten Temnozor und Nokturnal Mortum wird dagegen die Absolution erteilt. Man könne diese Bands doch „nur mit der Faschismus-Keule in die NSBM-Schublade“ prügeln. Nur: Seit wann hat ein bekennender Nazi in diesem Land eigentlich die Deutungshoheit darüber, wer sonst noch Nazi ist? Noch ein Detail am Rande: Auf der „A-Blaze“-Seite befindet sich eine dritte News-Meldung über den Twilight-Vertrieb, der an einer anderen Front gegen die Nazis im Metal kämpft. Der Unterton ist angepisst, Möbus bemüht sich nach Kräften um den Nachweis der Doppelmoral dieses Kampfes und nun, in der Causa VARG, steht plötzlich ein Hetzblog namens twilightvertrieb.com im Netz. Nachtigall, traps nicht so laut!
Das alles muss im Hinterkopf haben, wer sich dieser Tage eine Meinung über VARG bilden will. Nicht, dass es am Gehalt der Vorwürfe etwas ändert. Doch das Motiv Möbus’, den Ruf der Truppe zu ruinieren, ist nicht die Frage, ob Freki nun ein Nazi ist oder nicht; vielmehr, ob er ein Opportunist ist. Diese Frage hat Freki längst positiv beantwortet. Er hat den Kontakt zu Möbus eingeräumt, hat eingeräumt, von dessen Person fasziniert gewesen zu sein. Er hat noch im letzten Jahr Möbus Merchandise auf einem von ihm organisierten Konzert verkaufen lassen. Und ist nun, schon weil die Augen der Szene etwas aufmerksamer auf VARG ruhen, gezwungen, sich von dieser Person zu distanzieren. Hier liegt das Motiv.
Unbeantwortet bleiben die Fragen, die Ihr Leser mit Recht stellt: Ist Freki ein Nazi; und ist VARG eine Nazi-Band? Letztere ist vergleichsweise unbedeutend. Kein einziger konkreter Vorwurf, der im Raum steht, trifft VARG als Band. Anonyme Schwüre, der Schlagzeuger höre Stahlgewitter, sind so substanzlos wie lächerlich. Die erste Frage ist ungleich wichtiger. Natürlich können, ja müssen wir Freki seine Schwüre von heute abnehmen. Gebrannte Kinder werden das Feuer immer scheuen. Aber er ist kein Aussteiger. Niemand kann ihm abnehmen, dass er vor nicht einmal einem Jahr bei genanntem Konzert mit Möbus paktiert hat und sich heute eingesteht, jung und naiv gewesen zu sein. Jung und naiv war, sich im Absurd-Shirt fotografieren zu lassen – und jede Wette: auch heute, im stillen Kämmerlein, zieht Freki keine ethische Lehre aus der Geschichte. Eher verflucht er den Tag, an welchem dieses Foto entstand und klopft flickr- und MySpace-Galerien nach weiterem belastendem Material ab. Natürlich würde er alles lieber ungeschehen machen, um sich mit VARG auf den Bühnen dieser heidnischen Erde weiter feiern zu lassen. Aber das wäre noch schlimmer als ein Verbrechen. Es wäre ein Fehler, um mit Talleyrand zu sprechen.
Wir haben die „Banalität des Bösen“ zur Kenntnis genommen, die Hannah Arendt als Zeitzeugin des Eichmann-Prozesses bemerkte: Adolf Eichmann war kein Antisemit und kein Rassist; er war Technokrat, der im Leben weiterkommen und anerkannt werden wollte. Natürlich sind Vergleiche zwischen dem Organisator eines Genozids und dem unreifen Sänger einer Pagan Metal-Band enorm schief; sowohl Eichmann als auch Freki müssen sich so etwas nicht gefallen lassen. Aber das Muster ist gleich. Seine „Facharbeit“ zum Thema Pagan Metal zum Beispiel ist naiv, oberflächlich und dumm. Quellen und Verweise auf Quellen dienen nicht etwa der Untermauerung von Thesen, sondern sind simple Angaben zur Herkunft von Bildern und Zitaten. Der Zweck der Arbeit ist stumpfe Anbiederei. Und welcher Hendrik Möbus würde sich nicht freuen, seine eigene, skandalumwitterte Band als irgendwie essentiell dargestellt zu bekommen? Welcher enttäuschte Fan freut sich heute nicht, wenn er aus Frekis Feder erfährt, all das wären nur kleine Szenebilder einer jeunesse dorée gewesen?
Nun geht ihm der Arsch auf Grundeis. Er hat sich beim Schwindeln erwischen lassen, er hat seine Fans enttäuscht und seine Band kompromittiert. Diese Suppe will aus unserer Redaktion keiner für ihn auslöffeln, indem er seinen Namen unter ein „kritisches Interview“ mit VARG setzt. Mit dieser Meinung stehen wir nicht allein, und wollen damit allen den Rücken stärken, die sich im Moment nicht trauen, die Angelegenheit so anzufassen, wie es sich vernünftiger- und verantwortungsvollerweise gehört.
Fest steht: Sein Outing kam nicht von selbst, sondern wurde erzwungen. Nachdem das oben genannte Hetzblog twilightvertrieb.com wieder vom Netz ist, weil sich unter anderem „die echten Twilight“ ziemlich verarscht gefühlt und juristische Schritte angedroht/unternommen haben dürften, nachdem in den Metalboards die Diskussionen abgeflaut sind oder geschlossen wurden, nachdem – man muss das so deutlich sagen – vernünftige Leute für ihn die Drecksarbeit gemacht haben, wittert Freki schon wieder Morgenluft. Gestern noch die gute Zusammenarbeit beschwörend und ziemlich kleinlaut, heißt es aktuell in einer Pressemail von ihm: „Auch wenn das Thema mehr oder weniger schon wieder durch ist…“. Ist es nicht.
Nein, Freki, Sänger von VARG, ist viel weniger Nazi als die intellektuellen Walsers, Möllemanns und Hermanns, die auch noch ihre öffentliche Stellung nutzten, um krude Thesen breitzutreten. Aber nur, weil er erwiesenermaßen kein Intellektueller ist. Ob er wirklich einen moralischen Kompass hat, wird sich mit Sicherheit nicht heute und sehr wahrscheinlich auch nicht morgen zeigen.
Die LEGACY-Redaktion
Quelle: Legacy Magazin

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