Philipp “Freki” Seiler von VARG kann sich nicht beklagen. Zwar steht er gerade im Mittelpunkt einer heftigen, verbalen Auseinandersetzung um Opportunismus, Scheinheiligkeit und Heuchelei beim Umgang mit “rechten Tendenzen” im Black und Pagan Metal. Vom Ragnarök-Festival hat man ihn sogar ausgeladen. Aber dem kommerziellen Erfolg von “Blutaar”, dem neuen Album von VARG, tut das keinen Abbruch. In den Webcharts des EMP-Versandhandels steht das Album auf Platz 4 der bestverkauften Tonträger, und bei den “Death & Black Metal Bestsellern” von Amazon hat man es immerhin auf Platz 11 geschafft.

Seiler darf wohl berechtigterweise davon ausgehen, dass der jüngste Wirbel um seine Band VARG für einen nicht unerheblichen Aufmerksamkeitsbonus für “Blutaar” gesorgt hat. Zeitgenossen mit einem ausgeprägten Hang für Verschwörungstheorien werden sogar vermuten, dass Seiler diesen ganzen virtuellen Rummel geplant und inszeniert hat. Das wird zwar nicht der Fall gewesen sein, aber er scheint am Ende tatsächlich davon profitieren zu können.

Rufen wir uns doch noch einmal ins Gedächtnis zurück, was Philipp Seiler alles vorgeworfen und von ihm weitgehend eingeräumt worden ist:

* private Kontakte & Geschäftsbeziehungen an den “rechten Rand” des Black Metal
* eigene Aktivitäten, in Form von Konzertauftritten und -veranstaltungen, am “rechten Rand” des Black Metal

Man muss überhaupt kein “Nazi” sein, um hierzulande zum Paria gemacht zu werden. Verbindungen an den “rechten Rand” reichen als Fallstrick für die eigene Karriere; sei es im Beruf, in der Politik, oder im Showgeschäft. Man stelle sich nur einmal vor, Philipp Seiler wäre zum Beispiel ein junger, aufstrebender Politiker bei der Jungen Union gewesen und er hätte zur selben Zeit Verbindungen zur NPD gepflegt – würde man ihn dann weiterhin für den Bayrischen Landtag kandidieren lassen?

Oder, um näher an der Wirklichkeit des Philipp Seiler zu bleiben, seine langjährigen Kontakte und Aktivitäten am “rechten Rand” des Black Metal wären nicht erst 2010, sondern bereits 2008, publik gemacht worden. Glaubt man wirklich, dass ein Götz Kühnemund und ein Wolf-Rüdiger Mühlmann sich zu diesem Zeitpunkt dafür hergegeben hätten, um die Band VARG vor dem Absturz in den “braunen Sumpf” zu retten?

Was ist 2010 anders als 2008? Die Vorwürfe gegen Philipp Seiler sind heute so aktuell wie damals. Aber der Umgang damit ist heute ein ganz anderer. Und um das zu verstehen, wird man einfach einen Blick auf die Verkaufszahlen von “Blutaar” werfen müssen. 2008 war VARG nur eine von vielen Bands aus dem deutschen Pagan Metal-Untergrund, und dabei noch nicht einmal eine der Besten. Aber 2010 kann diese Band aus dem Stand heraus mehrere tausend Exemplare ihrer aktuellen CD verkaufen, und hat Tickets für die größten Metal-Festivals in Deutschland in der Tasche. Mit und an VARG kann Geld verdient werden. Das ist der springende Punkt!

Man muss schon ziemlich naiv sein, um zum Beispiel die Redaktion des RockHard für unbefleckte Metal-Idealisten, denen es nur um die Musik und das darin angeblich verkörperte Lebensgefühl (der “Metal-Spirit”) geht, zu halten. Natürlich sind diese Damen und Herren auch ganz pragmatische Geschäftsleute. Zum Beispiel arbeitet Wolf-Rüdiger Mühlmann für die Werbeagentur Sure Shot Worx in Hamburg: “Was haben Magazine wie Terrorizer (England), Aardschock (Holland), Close Up (Schweden), Spin (Norwegen) Metal Hammer Griechenland oder Metal Hammer Italien gemeinsam? Sie alle stehen mit uns in engem Kontakt. Wie weitere 400 Medien auch. SURE SHOT WORX arbeitet auch hier als organisatorisches Bindeglied zwischen Label, Künstler und Journalisten.” Wie es der Zufall so will, schreibt Wolf-Rüdiger Mühlmann auch für den RockHard. Ganz bestimmt ist er dabei besonders neutral und objektiv, wenn es um solche Bands, denen er mit seiner Firma die beste Publicity verschaffen will, geht…

Wenn man sich in der RockHard-Redaktion überlegt: “Was haben wir davon, wenn VARG als Nazi-Band gebrandmarkt sind?”, dann ist die Antwort doch ganz einfach: Gar nichts! Wäre “Blutaar” auf einmal flächendeckend boykottiert worden, dann hätten sich dadurch enorme finanzielle Konsequenzen für das Label Noise Art/Rock the Nation ergeben. Denn die Investitionen in diese Veröffentlichung , wozu zum Beispiel auch die beträchtlichen finanziellen Aufwendungen für Werbung gehört, könnten nicht amortisiert werden. Aber es darf wohl vermutet werden, dass auch Noise Art ihre Werbung nicht per Vorkasse bezahlen, sondern diese auf Rechnung mit einem Zahlungsziel von mindestens 30 Tagen gekauft hat. Keine Verkäufe = keine Einnahmen = keine bezahlten Rechnungen. So einfach!

Das Interesse daran, Philipp Seiler und seine Band VARG vor dem Boykott zu bewahren, hat absolut nichts damit zu tun ob man ihm glaubt oder nicht; oder wie man privat über ihn denkt und urteilt. Es geht in erster Linie um Geschäftsinteressen, und sekundär natürlich auch um das Vermeiden eines Gesichtsverlusts. Da man sich nun einmal auf den Standpunkt festgelegt hat, dass Philipp Seiler und VARG trotz o.g. Vorwürfe “resozialisierbar” sind, muss man diese Linie auch einigermaßen konsequent verfolgen.

Die Moral, von der auch in der Metal-Szene gerne geredet oder sogar gepredigt wird, endet immer dann, wenn eigene, als vital empfundene Interessen tangiert sind. Und wie sollte es in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung auch anders sein, diese Interessen definieren sich eben auch in Verkaufszahlen und Werbeeinnahmen. Wenn eine Metal-Band genügend Substanz angereichert hat, um mit ihrer Gravitation zahlreiche Fans und Käufer an sich zu binden, dann stellt sich die Frage nach einem Boykott, mit dem man sich selbst von der Teilhabe an dem Wirtschaftskreislauf, der sich um so eine Band herum entwickelt, ausschließt, doch gar nicht mehr.

Das beste Beispiel ist nach wie vor BURZUM. Eine Band bzw. ein Projekt, dessen Protagonist ein verurteilter Mörder, Brandstifter; und ein bekennender Rassist, Antisemit, und Nationalsozialist ist. Aber BURZUM ist auch eine Band, die Verkaufszahlen aufweist von denen selbst Philipp Seiler nur träumen kann. Das neue Album “Belus” wird über das renommierte britische Label Plastic Head veröffentlicht und vermarktet, und wirklich jeder Metaller auf diesem Planeten wird es sich zumindest anhören, wenn nicht sogar kaufen, wollen. Nachdem auch im RockHard immer wieder über BURZUM berichtet wird, sollte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn “Belus” dort nicht wenigstens eine Rezension (die man sich, wie das in solchen Kreisen üblich ist, auch bezahlen lässt) erhält.

Philipp Seiler kann erleichtert aufatmen. Mit dem vorliegenden Verkaufserfolg von “Blutaar” hat er das beste und überzeugendste Argument geliefert, warum der weiteren Karriere von VARG kein Abbruch getan werden darf. Die Metalbrüder sind keine Idealisten. Sie werden nicht auf ein Stück, so winzig es auch sein mag, vom großen Kuchen verzichten. Denn erst kommt das Fressen, dann die Moral.

[Quelle: Varg Freki Wolfszeit]